Vergewaltigung oder nicht? – Kleists “Marquise von O…” [2/2]
Hunderte waren gekommen, am Dienstag zu sehen, was das Junge Theater Göttingen gemacht hätte aus jenem nach Gottfried Benn “gewaltigsten Gedankenstrich der Literaturgeschichte”.
Gegeben wurde eine Collage aus Ferdinand Bruckners “Marquise von O…” und Heinrich von Kleists früherer Novelle gleichen Namens.
Da taten sich dem ungläubigen Rezipienten Fragen auf, die die Welt bewegen. Kann man allein durch ein geöffnetes Fenster schwanger werden?
Oder schickt sich hier der Graf F. (, der in der Inszenierung bedauerlicherweise Gottfried Matthias aus Paderborn hieß,) gerade an, im sogenannten Eifer des Gefechts die ohnmächtig gewordene verwitwete Marquise von O… mit aller Gewalt zu nehmen…
Das fragt sich auch Julietta, die Marquise, als sie des Umstandes gewahr wird, dass ein Kind sie unter ihrem Herzen trägt. Wie? Wann? Und – von wem?
Ob sie den langjährigen Verehrer heiraten soll, der sie eigentlich nervt, das Kind aber als das seine auszugeben bereit wäre?
Oder kann geliebt werden, wer als Engel mal, als Teufel dann erscheint?
Er weiß es auch nicht genau. Trägt schwer an seiner “nichtswürdigen Tat”.
Was hier “um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen” zu Recht Raum und Bühne erhielt, schien zart und tänzerisch wie absurde Blumen in Innenräumen und roh wie die Gewalt kriegerischer Auseinandersetzungen vor zerbrochenen Fenstern.
Applaus, Applaus für die Darsteller des Jungen Theaters Göttingen. Sehr eindrücklich, wirklich.
Und dann gab es noch die Gelegenheit, mit dem Regisseur Alexander Krebs, hier im braunweißen Ringelpulli auf blauer Bank, und den Schauspielern (, die später kamen,) Inszenierung und literarische Vorlagen zu diskutieren. Da ging es nochmal heiß her. War es eine Vergewaltigung oder nicht? Hat nur der Deutschlehrer einen Bildungsauftrag oder auch der Theaterregisseur? Deutet man den Kleist mit Künzel oder Politzer? War die Tanz- und Traumsequenz ein “billiger Flashdance-Verschnitt”, der einer Vergewaltigung keineswegs gerecht würde, oder aber eine sagenhaft gute Inszenierungsidee der nur halb bewussten Sexszene? Ist Bruckners Ende besser oder Kleists? Ist der Marquise Liebe durch ein Taufgeschenk erkauft? Fragen über Fragen, aber lesen Sie selbst…
Ein wundervolles Theatererlebnis.
Einen herzlichen Dank an Heike Duensing, die das für uns nach Aurich geholt hat!
Christine Korte
Der Bericht in den ON vom 11. März 2010:
Mausklick, kurz abwarten = lesefreundliche Größe
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