Abientlassung und Abirede 2010
Heute fand die Entlassungsfeier der Abiturientia 2010 in der Sparkassenarena statt. Feierlich und musikalisch umrahmt wurden Zeugnisse überreicht und Rosen geschenkt.
Fester Bestandteil dieses Anlasses ist von jeher die Rede eines ausgewählten Tutors, der für das Lehrerkollegium spricht.
In diesem Jahr war Herr Arzenscheg von den Schülern gebeten worden, Worte zum Abschied zu sagen. Diese nochmal (oder erstmals) nachzulesen, lohnt sich.
Hier sind sie.
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Risius,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
insbesondere liebe Tutorinnen und Tutoren,
liebe Eltern, Verwandte und Gäste
und natürlich liebe Abiturientinnen und Abiturienten
und auch hier insbesondere mein Kurs SP801 !
Ihnen allen auch von mir herzliche Grüße und die besten Wünsche für den heutigen Tag!
Ich begrüße Sie von Seiten der Lehrerschaft bei der diesjährigen Abitur-Entlassungsfeier und möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich für das ausgesprochene Vertrauen von Seiten der Schülerschaft bedanken, dass ich bei diesem Anlass die Rede halten darf!
Vielen Dank!
Der ein oder andere wird sich vielleicht fragen, ob Sportlehrer überhaupt in der Lage sind, eine Rede zu halten. Dabei müssen Sie nur in unsere Medienlandschaft schauen. Die ist voll von mehr oder weniger ausgefeilten Statements aktueller oder ehemaliger sportlicher Koryphäen.
Da wird meine Rede sicherlich auch ihren Platz finden.
Und wenn es dabei auch nicht um die Kommentierung von sportlichen Erfolgen geht – entsprechende Anstrengungen und Höchstleistungen gibt es in diesem Zusammenhang allemal zu würdigen.
Und zumindest das sollte auch ein Sportlehrer fertig bringen.
Wer allerdings immer noch Zweifel hat, für den möge das Motto gelten: „Augen zu und durch.“
Ich persönlich halte es da lieber mit solch berühmten Fußballphilosophen wie Berti Vogts.
Der hat in seiner Zeit als Bundestrainer einmal gesagt hat:
„Selbst wenn ich über das Wasser laufe,
dann sagen meine Kritiker noch,
nicht mal schwimmen kann der!“
A propos Fußball.
Der ist momentan ja wieder mal in aller Munde. Gerade in diesen Tagen fiebern wieder einmal Millionen Fans mit unserer Nationalelf in Südafrika.
Ob wir freilich wieder eine solch phantastische Stimmung wie zuletzt 2006 bei der WM im eigenen Land erleben werden, bleibt abzuwarten.
Allerdings möchte ich diesen Pass in die Tiefe des Raumes auch gleich aufgreifen und weitere Parallelen aufzeigen, die
der Fußball und
die mit Abitur und Oberstufenzeit in der Regel nach 13 Jahren endende Schulzeit
zu bieten haben.
Wenn es gleich zur Ausgabe der Zeugnisse kommt, werden Manche sich vielleicht so fühlen, als hätten Sie soeben einen Meistertitel errungen.
Und das nicht von Ungefähr. Schließlich habt Ihr gerade Eure persönliche WM gespielt – und gewonnen.
Da sollten Euphorie- und Jubelszenen erlaubt sein.
„Feingeister“ wie unser ehemaliger Nationalkeeper Olli Kahn pflegen bei derartigen Anlässen zu solch großen Worten zu greifen wie:
„Da iiist das Ding!“
Im Dunkeln bleibt dabei freilich, ob er diesen Satz schon bei seiner eigenen Abiturfeier am Karlsruher Helmholtz-Gymnasium geprägt und anschließend das Zeugnis siegestrunken in die Höhe gereckt hat –
wie viele Jahre später die Meisterschale auf dem Münchner Rathausbalkon.
Inwieweit Olli Kahn allerdings überhaupt als Vorbild für die Jugend taugt, möge ein Jeder selbst beurteilen. Immerhin soll er aus seiner damaligen Schulmannschaft geflogen sein, nur weil er das Training bei den Profis vom Karlsruher SC einem Spiel seiner Schulmannschaft vorzog.
Und auch eine gewisse Neigung zu „Täuschungsversuchen“ ist wenig vorbildlich.
Sie erinnern sich an das Viertelfinale der letzten Fußball-Weltmeisterschaft: Torhüter wie Olli Kahn und Jens Lehmann arbeiten sogar beim Elfmeterschießen
heimlich mit Spickzetteln.
Aber, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, die zuvor beschriebenen Jubelszenen seien Euch heute auch gegönnt, denn nach elf Jahren Qualifikation und zwei harten „Turnier-Jahren“ habt Ihr den Titel nun mehr als verdient. Es muss ja nicht gleich der Rathausbalkon sein.
Vielleicht ist dies ja auch ein gutes Signal für unsere Jungs in Südafrika, die sich von Euren Erfolgserlebnissen anstecken lassen.
Dann müsste der bekannte WM-Song der Sportfreunde Stiller aus dem Jahr 2006 für Euch auch nicht umgedeutet werden:
„54, 74, 90, 2010, …“
… denn das Abitur ist Euer ganz persönlicher Titel-Gewinn.
Ich persönlich vertraue da ganz auf den englischen Fußballer Gerry Linneker, der das klassische Sepp-Herberger-Zitat:
„Das Spiel dauert 90 Minuten …“
noch um die für ihn traurige Erkenntnis
„… und am Ende gewinnt Deutschland!“
erweitert hat.
Hierbei erinnere ich mich gerne auch an meine eigene Abiturzeit zurück, die allerdings schon etwas länger her ist. Zwar nicht so lange wie „Das Wunder von Bern anno 1954“. Aber immerhin doch schon länger, als Ihr, liebe Abiturienten, zur Schule geht.
Zumindest fußballerisch war mein Abiturjahr 1995 ein nicht ganz so erfolgreiches. Aber immerhin hat es ein Jahr später in England dann zum Europameistertitel gelangt!
Eure Qualifikation für diese WM war nicht ganz einfach! Reformen über Reformen säumten euren Weg bis zum Finale. Dabei ist Euch eines zumindest noch erspart geblieben:
Ihr seid der letzte reine 13. Jahrgang, denn die Verkürzung der Qualifikationszeit ist an euch gerade noch vorbei gegangen.
Zum Turnierauftakt im Jahrgang 12 ward Ihr zumeist noch ein wenig unsicher – ohne klare Zielvorstellung, ohne Biss und den letzten Willen zum Sieg. Ihr habt immer nur von einem Spiel zum nächsten gedacht. Oder sollte man besser sagen, von einer Feier zur nächsten?
Dabei wurden Einladungen zum Public Viewing über Morphex hin und her getauscht, dass man meinen könnte, das ganze Leben ist nur ein Spiel.
Und doch, irgendwie hattet Ihr damit auch Recht.
Denn manchmal nimmt man Vieles auch zu ernst.
Fußballer wie Bruno Labbadia drücken das etwa so aus:
„Das wird doch von den Medien alles nur hoch sterilisiert!“
In der Halbzeitpause habt Ihr jedenfalls noch einmal gut gefeiert und dann auf der Teambildungsmaßnahme Kursfahrt das neue und nun endlich greifbare Ziel „Meisterschaft“ ins Auge gefasst.
Leider kam es dabei auch zu einigen Auswechselungen und unvermeidbaren Spielertransfers. Sicherlich sehr zum Leidwesen auch von uns Lehrern.
Denn unser Ziel und unsere Aufgabe war es, Euch in 13 Jahren zu reifen und erfahrenen Spielern zu entwickeln, die das letztlich entscheidende Spiel Ihres Lebens erfolgreich gestalten können – und dennoch auch gelernt haben, Misserfolge wegzustecken und aus Fehlern zu lernen.
Dabei lehren uns berühmte Fußball-Lehrer á la Rudi Völler, wie man gelassen mit Fehlern umgeht:
„Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen.
Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.“
Manche Spiele dauerten länger als 90 Minuten.
Für einige von Euch gab es eine Verlängerung.
Wieder andere konnten erst nach dem Elfmeter-Schießen den Sieg erringen.
Manchmal kamen aber auch uns Lehrern Zweifel. Besonders wenn man in den ersten beiden Stunden Unterricht hatte. Da hatte man – so mitunter mein persönlicher Eindruck – ganze Mannschaften vor sich, die nach bester italienischer Prägung ihr Heil in der Defensive suchten.
Mauern. Beton anrühren. Catenaccio!
Rainer Bonhof beschrieb ähnliche Erfahrungen als Trainer wie folgt:
„Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab.
Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste!“
Starr der Blick, noch ganz unter dem Eindruck der letzten Auswärtsspiele, war es mitunter verwunderlich, das eine mündliche Beteiligung überhaupt möglich war. Da mussten leider auch mal gelbe und rote Karten gezogen werden.
Mir als Handballer – ich glaube, hier in Aurich darf ich so etwas bekennen – war solch eine Spielanlage völlig fremd:
Da wird passives Spiel nämlich gnadenlos abgepfiffen.
Ganz anders ging es dann auch in der Sporthalle zu.
Dort hatte man das Gefühl, dass die Schalter endlich umgelegt wurden. Aus Defensiv-Künstlern wurden von einer Stunde zur nächsten wahre Trainings-Weltmeister.
Welch eine erstaunliche Wandlung, die ich als Sportlehrer interessiert beobachten konnte!
Das angesprochene Brachland ist nun nicht mehr vorhanden. Und das wird heute sogar beurkundet.
Dies ist nun der Schlüssel für Eure Zukunft. Die Grundlagen sind gelegt. Die technische Ausbildung ist abgeschlossen.
Oder wie Andreas Brehme es sagen würde:
„Die Brasilianer sind alle technisch serviert.“
Was für die Fußballer in Südafrika noch Zukunftsmusik ist, habt Ihr bereits hinter Euch.
Euer ganz persönliches Sommermärchen ist vollbracht!
Die Welt liegt Euch nun zu Füßen. Nutzt diese Chance. Bleibt aber bei allem was Ihr fortan plant und tut stets umsichtig und auf böse Fouls gefasst, denn:
„Dieser Weg wird kein leichter sein, …“
Mit dem, was Ihr nun in der Tasche habt, könnt Ihr eine Menge erreichen. Mit all Euren Erfolgen und Erfahrungen.
Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
Der nächste Gegner ist der Schwerste.
Elf Freunde müsst Ihr sein.
Alles uralte Fußballerweisheiten, mit denen man eigentlich Niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann.
Bedeutet aber letztlich:
Verlasst Euch immer auf Euren eigenen Kopf und zeigt Euch neugierig auf das Nun-Kommende.
Vergesst Eure Freundschaften nicht und passt weiter auf Euch auf, so wie wir es in den letzten Monaten Eurer Schulzeit erlebt haben.
Vergesst dabei nicht Eure Aufgaben.
Oberflächlichkeiten sind nicht gefragt.
Auf Erfolgen kann man sich nicht ausruhen!
„Wichtig ist auf dem Platz!“
Oder wie Rudi Völler es sagen würde:
„Zu 50% haben wir es geschafft,
aber die halbe Miete ist das noch nicht!“
Doch nun solltet Ihr es machen, wie Lothar Matthäus es auf seine unnachahmliche Weise weltmännisch ausdrückte:
„We look not back, we look in front!”
Arbeitet weiter an Euren Fähigkeiten und Fertigkeiten. Lasst Euch nicht ablenken von Spielerberatern oder besonders lukrativen Transfermöglichkeiten. Verfolgt Eure Ziele.
Sicher werdet Ihr auch erstmal Urlaub machen, abspannen, ein bisschen herum-chillen!
Und dann?
Studium oder Ausbildung, Zivildienst oder Bundeswehr. Alles beginnt von vorn. Wieder muss man sich zurecht finden, sich wieder neu beweisen, seine Qualifikationen und seine Fertigkeiten verbessern. Es wird wieder Verlängerungen, Transfers und Auswechselungen geben.
Und für diejenigen, die ins Ausland wechseln gilt hoffentlich nicht der schon legendär gewordene Satz von Andy Möller:
„Egal ob Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien!“
Für alles was nun vor Euch liegt, wünsche ich Euch stellvertretend für alle Lehrerkollegen viel Erfolg und alles Gute bei all Euren Vorhaben, auf all Euren Wegen.
Mit Blick auf die Uhr, bin ich eigentlich schon in der Nachspielzeit.
Wenn meine Einsatz-Zeit als Redner nun zu Ende ist, ist zugleich auch meine Zeit als Tutor zu Ende.
Dann werde ich ausgewechselt und Andere übernehmen für Euch die beratende oder betreuende Funktion.
Daher noch ein kleiner Tipp zum Schluss:
Bei uns Lehrern ist es ebenso wie bei den Eltern –
wir sind zumeist durch sehr langfristige Verträge an unseren Verein gebunden, so dass es ein Leichtes für euch sein wird, uns wieder zu finden.
Wir werden euch immer mit Rat und Tat zur Seite stehen und würden uns über regelmäßige Rückmeldungen von Euch auch in Zukunft sehr freuen.
Ein großer Dank geht an dieser Stelle auch an die Eltern, die uns bei der Ausbildung unserer Spieler in Ihrer Eigenschaft als Heimtrainer immer unterstützt haben.
Dafür,
für Ihre und Eure Aufmerksamkeit,
für die intensiven letzten beiden Jahre und
für die damit und mit meinem ersten Tutorium verbundenen Erfahrungen
möchte ich mich nun zum Ende meines Vortrags mit einem Zitat,
nein, nicht: „Ich habe fertig!“, sondern mit einem Zitat von Andreas Brehme bedanken:
„Ich sage nur ein Wort:
Vielen Dank!“
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Quelle: Ostfriesische Nachrichten – 21. Juni 2010
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